Gesellschaftliche Transformation in der Musik: 'Ma ordentlich rummaulen'

Musiktipp

 

'Tiere in Tschernobyl' von MAULGRUPPE

 

Wie könnten sie aussehen, die Wege aus dem Dilemma?

Klopft man die Kreativschaffenden nach dieser Frage ab, stößt man auf unterschiedliche, teilweise sogar skurrile Antworten. Jede davon enthält ein Fünkchen Wahrheit und Inspiration, die in der Summe kulturell und gesellschaftlich zur Zündung eines geschichtlich entscheidenden Funken führen könnten.

 

Eines dieser Konzepte lautet scheinbar die Klappe aufzumachen und es sich zu trauen, lautstark bis hektisch den Gedankenfetzen freien Lauf zu lassen und einfach mal abzuwarten, was dabei so heraus kommt. Genau das macht die Hamburger MAULGRUPPE auf ihrem ersten Album „Tiere in Tschernobyl“ (2019). Der Kopf ist voller Gedanken, die übereinander stolpern, nicht wissen wohin eigentlich, in noch keine eindeutige Richtung weisend. Aber es kommen lustige, durchaus interpretierbare Beobachtungen, Momente, Feststellungen und Aufforderungen(?) dabei heraus, deren Sinn einfach zunächst in einem Gedankenanstoß liegen könnte, dessen Bedeutung sich erst später im Nachhinein erschliesst und vollständig begreifen lässt.

Kopf und Texter der Band ist der umtriebige Sprachpoet Jens Rachut, bekannt als Theaterschauspieler, durch Hörspiele und im Laufe der Jahre auch zahlreiche Bands. All seine Projekte bewegen sich in der Independent- und Underground-Szene, also außerhalb des großen Musikbusiness und der Entertainment-Branche, deren doppelten Aufgabe ohnehin nur darin besteht, einerseits die Arbeitsgesellschaft nach Feierabend zu bespaßen und andererseits Bestandteil der Profitmaschine großer Medienkonzerne zu sein. Damit haben diese Herren rein gar nichts am Hut.

 

Rachut und seine Mitstreiter sind eher wahre Bürgerschrecks, unangepaßt und unkonventionell in jeder Hinsicht. Das gilt auch für die Sprache und Inhalte der Songtext, mit Passagen wie „Das System quälen“, „Die Schinder nerven“, „Die Reichen mit Geld bewerfen“ (»Geschwür“). Das hat unbestreitbar dadaistische Qualität. Was zunächst absurde Züge trägt, könnte sich allerdings aus anderer Perspektive als eine nicht zu leugnende Bauernschläue mit doppeltem Boden erweisen. Auf jeden Fall surfen Rachut und die MAULGRUPPE in den „Gezeiten“ der bürgerlichen Gesellschaft und haben einen teuflischen Spaß dabei, sich einen Jux auf den Irrsinn des Alltäglichen zu machen.

 

Musikalisch geht es mit zackigem Post-Punk- und New Wave-Anklängen ebenso hektisch zu, stets etwas over the top. Alles bewusst nahe am Wahnsinn und irgendwie subversiv genial! Es braucht schon mehrere Durchläufe, um sich da überhaupt reinhören zu können und sich das Rachut Universum zu erschließen, wie bei all seinen musikalischen Projekten. Dafür ist es dann aber auch ein dauerhaftes und gehaltvolles Vergnügen, diese gewitzten, modernen Enkel eines Till Eulenspiegel zu kennen und in der eigenen Musiksammlung zu wissen.

 

 

Anspieltipps:

„Geschwür“ 

„13“

„Das Volk“

 

 

Eintrag Jens Rachut bei wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Rachut

 

Interview im Ox-Magazin:

https://www.ox-fanzine.de/web/itv/6697/interviews.212.html

 

Discographie bei Discogs:

https://www.discogs.com/de/artist/7056912-Maulgruppe

 

 

Autor: Holger Roloff