Gesellschaftliche Fragestellung in der Literatur: 'Ausgetauscht!'

Buchbesprechung/Buchempfehlung

 

Taschenbuch: 176 Seiten

Verlag: Ulrike Helmer Verlag; Auflage: 1. (31. Oktober 2018)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3897414244

ISBN-13: 978-3897414242

Autor: Friederike Habermann

 

Bereits mit ihrem Buch »Ecommony« (2016) konnte die Commons-Aktivistin und Autorin Friederike Habermann starke Akzente mit neuen Denkansätze für einen grundlegenden, gesellschaftlichen Wandel setzen. Wir stellten es hier an dieser Stelle bereits vor. Mit »Ausgetauscht! - Warum gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss« (2018) geht sie den nächsten logischen Schritt und erweitert das Spektrum der Argumente.

 

Ausgangspunkt bleibt dabei eine kritische Analyse der heutigen Strukturen unserer Gesellschaft. Ein Markt bedeutet automatisch immer sich einer Konkurrenzsituation unterwerfen zu müssen. Das passiert keineswegs freiwillig und von allein, sondern wird uns aufgeherrscht. Anstatt die gesamte Gesellschaft als ein großes Ganzes, als eine Gemeinschaft aufzufassen, die entsprechend Produktion und Reproduktion, Gesundheit, Bildung usw. organisiert, sollen im heutigen System umgekehrt alle Dinge beliebig über einen abstrakten Tauschwert austauschbar sein. Das führt zu einer abstrakten Form von (Tausch-)Wert und somit zum Versuch, alles kleinlich gegeneinander aufrechnen und Monetarisieren zu wollen, stets mit dem Ziel eine kaufmännischen Zugewinn zu erzielen. Vom Erfolg dieser Logik hängt es dann ab, ob man über den Umweg der Politik und Steuern daraus am Ende wieder eine funktionierende Gesellschaft herstellen kann. Doch der warenförmige Tausch verbindet nicht, sondern trennt die Menschen. Das erzeugt Widersprüche, die langfristig in Krisen münden.

 

Das Scheitern dieser Formstruktur einer warenförmigen, kapitalistischen Gesellschaft ist längt weltweit zu beobachten. Die Produktivkräfte werden zunehmend destruktiv, zerstören und vermüllen den ganzen Planeten. Die enormen Produktivitätsergebnisse eines typischen 9 to 5 Arbeitstages können nicht mehr darüber hinweg täuschen, dass sich die Menschen damit längst nicht mehr wohl fühlen und sich innerlich oft schon davon verabschiedet haben, falls das System sie nicht ohnehin schon als überflüssig ausgespuckt hat. Sie würden gern etwas anderes tun, wenn sie wüssten wo und wie. Das ist Teil der Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Verhältnissen, sowie von den Naturbedingungen.

 

Die Autorin plädiert deshalb für eine Abkehr von der Grundlage dieser Strukturen - der Tauschlogik. Sie nähert sich dem Thema außerdem im Gegensatz zu vielen Ökonomen konsequent aus der weiblichen Perspektive. Sie beleuchtet nicht nur zentrale Fragen der stofflichen Seite des Wirtschaftens und der subjektiven Vorstellung, was mit Natur heute allgemein (noch) gemeint ist, sondern auch Fragen der geschlechtlichen Identität, der emotionalen Fürsorge sowie den vorherrschenden Denkformen darüber. Gerade die emotionale Seite ist essentiell für eine Gesellschaft - ein Aspekt, der von anderen Autoren leider oft übersehen wird.

 

Marktkonkurrenz führt nämlich nicht zu einem Gefühl des Miteinander, sondern zu strukturellem Hass gegeneinander. Teile der Bevölkerung, Minderheiten, Zuwanderer, Flüchtlinge, Asylsuchende - irgendwer bekommt in von der Konkurrenzsituation verursachten Problemlagen und Krisen stets eine Ladung dieses Hasses zu spüren. Die unsichtbaren, im Hintergrund lauernden Herrschaftsstrukturen und vermeintlichen Sachzwänge lassen innerhalb dieser Logik die Probleme nicht sauber auflösen oder sich irgendwie widerspruchsfrei regulieren (Zähmung des Kapitalismus). Stattdessen kann man die frei werdenden Emotionen in unzähligen kleinen Hasskommentaren im Internet oder realen Gewaltausbrüchen, Brandlegungen usw. ablesen. Sie sind ein Ergebnis falscher Identitätslogik, anstatt der Fähigkeit zu Selbstkritik zu entwickeln.

 

Tauschlogik und Markt erzeugen nur oberflächlich die Illusion von Gerechtigkeit. In der Praxis werden hingegen Anwälte und Gerichte bemüht, um Eigentumsansprüche und Teilhabe gegeneinander durchzusetzen. Deshalb beansprucht der Staat auch das Gewaltmonopol für sich, um über diese Abläufe halbwegs Herr zu bleiben. Eine wirklich freie Gesellschaft erkennt man hingegen daran, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, Elementarrechte ohne Vorbehalte zu gewähren, weitestgehend bedingungs- und gewaltlos. Das ist aber nur dann möglich, wenn die wirtschaftlichen Grundlagen auf Beitragen und Teilen basieren, frei von Tauschabstraktion und damit der Eigendynamik der Geldlogik.

 

So vertritt die Autorin insgesamt eine „Subjektfundierte Hegemonietheorie“ und wendet sich auch gegen die Illusion, dass uns die Technik der Zukunft schon irgendwie erlösen und retten wird. Es sind in Wirklich die gesellschaftlichen Grundlagen und Bedingungen, in denen Technik entsteht und angewandt wird, die entscheidend sind. Deshalb ist ein grundlegender Wandel notwendig.

 

Fazit:

Wer einen anderen Blick auf unsere Gesellschaft wagen und seine Perspektive erweitern möchte, wird in diesem Buch einen fortschrittlichen Blickwinkel auf Möglichkeiten finden, deren geistige und reale Entfaltung noch bevorstehen. Die menschliche Geschichte ist bei weitem noch nicht zu Ende geschrieben. Unabhängige Denkerinnen wie Friedericke Habermann sind der beste Beleg dafür. Das Buch ist sehr gut zu lesen und so aufgebaut, dass es potentiell eine sehr breite Leserschaft anzusprechen vermag. Spannend und hochgradig wissens- und lesenswert!

 

Homepage des Verlages:

https://www.ulrike-helmer-verlag.de/buchbeschreibungen/friederike-habermann-ausgetauscht/

 

 

 

Autor: Holger Roloff