Gesellschaftliche Transformation in der Musik: 'The Sound Of Music'

Musiktipp

'The Sound Of Music' von LAIBACH

 

 

Zum Jahresabschluss 2018 präsentieren wir einen wahren Geniestreich.

 

Als im Juni 2015 Gerüchte kursierten, dass LAIBACH die Einladung erhalten hatten, als erste westliche Rockband in Nord Korea auftreten zu dürfen, glaubten die Fans ihren Ohren kaum zu trauen. Diese Meldung war eine Sensation und schlug ein wie eine Bombe. Bestimmt nur ein Internet-Hoax, oder? Ausgerechnet LAIBACH(!), die monumentalen ex-Jugoslawien Industrial-Underground-Stars, die sich den Regeln des Pop-Biz verweigern, nach eigener Aussage Musik um der Politik willen machen und konsequent interdisziplinäre Kunst gegen Herrschaft und Unterdrückung produzieren. Das wäre zu schön, um wahr zu sein…und nicht nur die Krönung der Bandgeschichte, sondern wohl der größte Coup der gesamten Musikgeschichte…!!!

 

Wie wir jetzt wissen, hat die slowenische Band tatsächlich die Reise ins ferne Pjöngjang für zwei Konzerte antreten dürfen (Zum 70. Jahrestag des Endes der japanischen Besatzung in Korea). Die britische BBC ließ sich das nicht entgehen und drehte sogar eine Dokumentation.

 

LAIBACH gelten selbst hier im Westen als außergewöhnliches und umstrittenes Phänomen, da sie sich konsequent gegen totalitäre Ideologien, Stalinismus, Faschismus, Kapitalismus, NATO, Staatsgewalt und Herrschaft positionieren, indem sie genau deren ästhetische Formsprache auf die Bühne bringen und überspitzt darstellen (sie gründeten sogar einen eigenen Staat mit Pässen usw.) In Nord Korea hat man so etwas natürlich erst recht noch nie gesehen. Dort passt so eine kontroverse Formation aber natürlich besonders gut hin. Die Gesichter des Publikums sprechen Bände. Die Fans hierzulande lieben genau diesen versteckten, tiefer gehenden Humor, kaschiert von vordergründigem Pathos. Ob das dort auch verstanden wurde? Wahrscheinlich war die Wahrnehmung eine völlig Andere. Doch eine Wirkung wird auch dort im Kollektivbewusstsein sein Echo finden (s. Abschlussbemerkung unten).

 

Während sie im Westen eher aggressiv-offensives Material spielen, präsentierten LAIBACH in Fernost sehr ruhige, liedhafte Songs. Sie suchten und fanden also einen respektvollen Weg, den Kulturschock für das dortige Publikum nicht zu groß ausfallen zu lassen, und dennoch die eigene Botschaft rüberbringen zu können. Dazu gehört sogar koreanisches Liedgut („We will go to Mt. Paektu“ [North Korea cover]) und „Arirang“ - eine Art inoffizielle neue Nationalhymne für Nord und Süd Korea, anläßlich des Treffens beider Staatsoberhäupter. Die Gruppe präsentierte außerdem Songs des Soundtracks „The Sound Of Music“ (zu deutsch: „Meine Lieder - meine Träume", einem der erfolgreichsten Musikfilme Hollywoods überhaupt) - und ein in der Volksrepublik immer noch sehr beliebter und populärer Streifen von 1965, anhand dessen dort z.B. viele Englisch lernen. Alles in einem sehr anmutenden Stil vorgetragen - aber LAIBACH-typisch mit subversivem Touch sowie doppelt und dreifachem Boden. Wer sich die Musikclips der Band anschaut, bekommt schnell eine Ahnung, wovon hier die Rede ist. Auf dem gleichnamigen Album „The Sound of Music“ (2018) veröffentlichen die Musiker Teile dieses Songmaterials, verarbeiten und dokumentieren damit die Erfahrungen ihres Korea-Ausflugs.

 

Kein Wunder, dass die Band weltweit in der Independent-Szene absolut Kult ist und sogar in Slowenien selbst, nach Anfeindungen und einem Verbot in den frühen Jahren, inzwischen als etablierte, hoch angesehene Künstler gelten, die man gerne als Kulturgut vorzeigt - so wie hierzulande die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, die bekanntlich mit dem Goethe-Institut kooperierten.

 

Die Slowenen stehen als Sinnbild für den Wandel. 1985 konnte man LAIBACH erstmals via West-Radio auch in der DDR hören. Vier Jahre später kam als Echo die Wende. Dieses Jahr haben sich die Slowenen in entlegene Gegenden von Russland begeben. Noch Fragen?

 

 

Anspieltipps:

„The Sound Of Music“

„My Favorite Things“

„The Lonely Goatherd“

 

TV-Interview:

https://www.youtube.com/watch?v=Rbn4sJaoI4E

 

Discographie bei Discogs:

https://www.discogs.com/de/artist/25404-Laibach

 

Bandgeschichte bei wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Laibach_(Band)

 

 

Autor: Holger Roloff