Gesellschaftliche Fragestellung in der Literatur: 'Kapitalismus aufheben'

Eine Einladung,

über Utopie und Transformation neu nachzudenken

 

Buchbesprechung/Buchempfehlung

 

Taschenbuch: 256 Seiten

Verlag: VSA (1. Juni 2018)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3899658310

ISBN-13: 978-3899658316

Autor: Simon Sutterlütti / Stefan Meretz

 

Bevor wir 2016 das Medien-Projekt 'HAUPTSACHE COMMONS' gründeten, befassten wir uns mit den gleichen Themenfeldern, wie die Autoren dieses Buches. Wir verschafften uns zuerst einen Überblick über Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien. Dann versuchten wir uns die realen Möglichkeiten einer Gesellschaft so vorzustellen, dass soziale und ökologische Ziele sachgerecht und in sich logisch widerspruchsfrei bestimmend sind. Der Schlüssel dazu war eine kategoriale Kritik. Ergebnis war ein Konzept, eine grobe Skizze einer Utopie, die als „Wirtschaftsvision“ veröffentlicht wurde. Wir wollten zeigen, dass eine andere Art Gesellschaft grundsätzlich möglich ist.

 

Genau das haben die Autoren Stefan Meretz (Ingenieur, Informatiker) und Simon Sutterlütti (beide vom deutschen Commons-Institut) jetzt erneut gemacht. Ihre Ziel besteht darin, den weitestgehend eingeschlafenen Diskurs um echte Alternativen zur heutigen Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform durch ein Buch neu zu beleben. Schlüssel ist auch hier ein kategorialer Ansatz. Das Ergebnis ist ein herausragendes Werk mit dem Titel »Kapitalismus aufheben«. Es bildet den aktuellen Stand moderner Gesellschaftstheorie äußerst kompakt ab. Der Rote Faden darin wird so gestrickt, dass einerseits theoretische Sackgassen erkennbar werden und andererseits Türen zu Räumen geöffnet werden, welche zukünftig erst noch mit frischen Gedanken gefüllt werden müssen, um zu einer vereinheitlichten Gesamttheorie zu gelangen. So könnte der öffentliche Diskurs tatsächlich wiederbelebt werden.

 

Den Autoren gelingt das in vielerlei Hinsicht in bemerkenswerter Weise. Schon von der Form her ist es erstaunlich, wie leicht dieses Buch zu lesen ist, was dazu führen könnte, dass eine doch sehr breite Leserschaft angesprochen werden kann. Lange, x-fach verschachtelte Satzgebilde sucht man vergebens. Die Sätze sind für ein derartiges Buch ungewöhnlich kurz und knackig. Der Inhalt wird schon durch die Gliederung der Kapitel so strukturiert, dass es dem Anspruch einer wissenschaftlichen Publikation gerecht wird. Die Texte sind allesamt leicht nachvollziehbar und stringent logisch aufgebaut. Viele Stellen eignen sich als Zitat. Ergänzt wird das immer wieder durch exakte Begriffsbestimmungen sowie grau unterlegte Felder, in denen wichtige Themen nochmal gesondert kurz dargestellt werden, so dass der Leser schnell erfassen kann, wie die Autoren etwas meinen. Wird gedanklich etwas ausgeklammert, wird erläutert warum. Das alles trägt zur Stringenz der Darstellung bei, so dass man mit nur 250 Seiten auskommt, was angesichts des Themas sensationell ist. Gleichzeitig umspannt der Inhalt ganze Bibliotheken, deren Extrakt hier, reduziert auf die wesentlichen Kerngedanken diverser Bezugsautoren der Theoriegeschichte, komprimiert erfasst, verglichen, neu bewertet und weiterentwickelt wird.

 

Meretz und Sutterlütti fügen ihre eigenen Ideen hinzu und diskutieren diese im Sinne des anvisierten Zieles. Sie machen schrittweise plausibel, dass es im menschlichen Potential angelegt ist, sich gesellschaftlich anders zu organisieren, als nur über die Form „Kapital“. Mit diesem Wissen könnte der reale Geschichtsprozess so verändert werden, dass bewusst die Prozesse unterstützt werden, denen gezielt das Prädikat „gesellschaftlicher und sozialer Fortschritt“ zugebilligt werden kann, anstatt es einer „unsichtbaren“ und oft irrenden „Hand des freien Marktes“ zu überlassen. Ein kritisches Verständnis der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise setzen sie dabei voraus.

 

Fazit:

Wer sich schnell und tief gehend informieren möchte, findet hier den aktuellsten Stand fortschrittlicher Gesellschaftstheorie. Meretz und Sutterlütti ist ein echtes Meisterwerk gelungen, welche die Qualitäten leichter Lesbarkeit und inhaltlicher Zugänglichkeit verbindet. Es gehört zu den bzw. ist sogar das progressivste Buch überhaupt, welches es aktuell zu diesem Themenkomplex gibt. Es hat das Potential als Nachschlagewerk und Referenz zugleich zu dienen, auf das jeder Bezug nehmen kann, der sich an der Diskussion einer Gesellschaftstransformation und damit über die Zukunft der Menschheit beteiligen möchte.

 

 

Homepage:

https://commonism.us

 

Erläuterungen der Autoren zum Buchinhalt bei Streifzüge 73/2018:

http://www.streifzuege.org/2018/kapitalismus-aufheben

 

Vortrag von Stefan Meretz zum Thema gesellschaftlicher Vermittlung:

http://keimform.de/2016/gesellschaftliche-vermittlung-jenseits-von-geld-und-tausch/

 

Eine Gast-Rezension von Christian Schorsch, welche er der Redaktion von HS-Commons freundlicherweise zukommen lies, findet sich hier.

 

 

 

Autor: Holger Roloff