Gesellschaftliche Fragestellung in der Literatur: 'Stabile Ungleichgewichte'

 

Buchbesprechung/Buchempfehlung

 

Taschenbuch: 140 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag; edtion unseld (Originalausgabe 20. April 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3518260057

ISBN-13: 978-3518260050

Autor: Josef H. Reichholf

 

Josef H. Reichholt ist Evolutionsbiologe. Er schafft es in seinen Essays, Wissen kompakt und klar verständlich an den Leser zu bringen. Dieses Büchlein trägt den Titel „Stabile Ungleichgewichte - Die Ökologie der Zukunft“ (2008).

 

Die beiden großen Hauptkapitel heißen „Die Natur“ und „Die Menschenwelt“. Darin beleuchtet er in den Unterkapiteln jeweils verschiedene Aspekte wie „Das Haus der Natur“, „Die Evolution“, „Die Zeit und die Uhren“ und „Die Ökonomisierung der Natur“. Ihm gelingt es überzeugend darzulegen, warum die oft postulierte Wunschvorstellung vom Gleichgewicht so nicht stimmig ist, sondern warum echte Nachhaltigkeit nur durch stabile Ungleichgewichte zu erreichen ist. Nur das ermöglicht es biologisches Leben zu erhalten. Was sich energetisch im Gleichgewicht befindet, ist am Ende biologisch tot, z.B. ein gekipptes Gewässer, in dem die Fische längst bauchwärts oben treiben.

Sein Wissen über die energetischen Zusammenhänge in der Natur ist dabei bemerkenswert. Der Leser kann durchaus einiges lernen, was in der Schule so nicht vermittelt wurde. Man kennt viele Einzelpunkte, aber oft nicht den Zusammenhang im Großen und Ganzen. Dieses Wissen kann man hier auf wenigen Seiten nachholen, zumal der Autor auf (oberflächlich gesehen) scheinbare Widersprüche in der Natur aufmerksam macht, die bei näherem Hinsehen keine sind. Das ist oft verblüffend.

 

Der Autor beleuchtet ebenso die Probleme, die durch die Art und Weise der Nutzung der Natur durch den Menschen entstehen und stellt einen möglichen Ausweg vor. Leider offenbart der Autor dabei einen Mangel an wertkritischen Wissen. Er erkennt zwar den Kapitalismus mit seinem Wachstumszwang als Ursache vieler Probleme, vermag aber aufgrund dieses Mangels nicht, die Probleme sauber aufzulösen. So neigt er am Ende leider doch etwas zur Biologisierung der Gesellschaft, völlig verkennend, dass sozial-ökonomische Beziehungen doch etwas anderes, nämlich durch Machtverhältnisse und Geschichte geprägte Abläufe sind, als die rein evolutionären Vorgänge in der belebten Natur der Pflanzen- und Tierwelt. Das heißt keineswegs, dass man nicht auch von energetischen Abläufen in der Natur lernen könnte, sondern dass man sie nicht einfach 1:1 übertragen kann. Deshalb - sowie wegen oft zweifelhafter Einwände bei Diskussionen von komplexen Sachverhalten (s.a. Wikipedia-Eintrag unten) sind die Werke des Autors in Teilfragen sehr umstritten. Ein unbegrenztes „grünes Wachstum“ bzw. eine „grüne Marktwirtschaft“ kann es z.B. dauerhaft nicht geben. Erkennt und ergänzt man gedanklich diese Einsicht, dann wird ein rundes Gesamtbild daraus. Erst dann kann man sagen: Energie- und Stoffkreisläufe in der Natur - da sie eine unabänderliche Schranke und ihr Verständnis und Erhalt notwendig für das dauerhafte Überleben auf dem Planeten sind - sollten primärer Ausgangspunkt für die Gestaltung zukünftiger Gesellschaftssysteme sein.

 

Fazit:

Sehr gut zu lesen und leicht verständlich. Die statische Konzeption der alten Ökologiebewegung (Vorstellung vom Gleichgewicht) wird vom Autor grundsätzlich in Frage gestellt. Dadurch regt er zum Nachdenken an und liefert einen bedenkenswerten Beitrag für alle, die sich um ökologische Fragen der Zukunftsgestaltung Gedanken machen. Das Essay liefert dafür Ansätze und potentielle Passagen und Zitate, auf die man sich beziehen kann.

 

wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_H._Reichholf

 

 

Autor: Holger Roloff