Gesellschaftliche Transformation in der Musik: 'Masseduction'

Musiktipp

 

'Masseduction' von ST. VINCENT

 

 

Feministische Musik der anderen Art beleuchtet die nahende Zukunft aus weiblicher Perspektive…zumindest einer von vielen Möglichen… Und die Gegenwart wird kritisch emotional ausgelotet und karikiert. Die Künstlerin Annie Clark aka. St. Vincent ist bislang wohl eher im angloamerikanischen Bereich ein Begriff, sowie hierzulande Independent-Hörern bekannt, denn leicht verdauliche Popkost gibt es von ihr weniger. Tiefgang und Mut zu ungewöhnlichen Sounds sind Programm. Dabei hat sie in den Staaten schon mehrfach aufhorchen lassen, nicht zuletzt durch ihre Zusammenarbeit mit David Byrne (TALKING HEADS). Diese beiden musikalischen Genies passen wirklich bestens zusammen. Immerhin ist St. Vincent auch Grammy Award Gewinnerin, man möchte sagen nicht wegen, sondern trotz ihrer besonderen Art.

 

Fangen manche ihrer Stücke noch sehr ruhig, ja geradezu konventionell an, so ist man schnell geneigt zu denken, der Song sei vorhersehbar und man wisse schon, wie es weiter geht… Doch allzuoft täuscht man sich da. St. Vincent Stücke haben manchmal eine unerwartete Dynamik. Die Sängerin und Multiinstrumentalistin zeigt sich sehr experimentell und liebt es psychedelische bis kreischend noisige Klänge zu integrieren und die Hörerschaft akustisch zu fordern. Selbst SONIC YOUTH klingen dagegen oft noch poppig eingängig. Wobei - St. Vincent kann alles. Sanfte Balladen („New York“), treibender New Wave-Art-Rock („Birth In Reverse“), die kritische Auseinandersetzung mit der Entfremdung in der Moderne durch einen avantgardistischen Brass-Electro-Crossover („Digital Witness“) bis hin zu krachendem Noise-Punk („Krokodil“). Diese Künstlerin ist vielschichtig und zeigt eine Bandbreite, die verblüffend ist!

 

Ihr neues Album trägt den Titel „Masseduction“ (2017). Wird sie jetzt noch unkommerzieller? Will sie etwa wirklich die Masse ihrer Hörerschaft reduzieren? Nicht unbedingt. Für ihre Verhältnisse geht es oberflächlich gesehen diesmal zwar tendenziell in Richtung Elektro-Pop, jedoch ohne an inhaltlicher Tiefe zu verlieren oder gar zu gefällig zu werden. Es braucht Zeit sich da reinzuhören und ihr Universum zu verstehen. Es geht eher darum, eine weitere, satirisch-gesellschaftskritische Seite von sich zu zeigen. Exemplarisch dafür stehen Songs wie „Pills“ und „Los Ageless“, indem sie den von Hollywood ausgehenden Beautywahn in den USA auf`s Korn nimmt.

 

Das soll schon genug der Worte sein. Dafür lieber mehr hören von ihr!

 

 

Anspieltipps:

„Digital Witness“

„Birth In Reverse“

„Krokodil“

 

zusammen mit David Byrne:

„I Should Watch TV“ (live David Letterman Show)

„Who“ 

vom Album „Masseduction“:

„Pills“

„New York“ (live Showcase)

„Los Ageless“

 

Discographie bei Discogs:

https://www.discogs.com/de/artist/849853-St-Vincent

 

Homepage:

http://ilovestvincent.com

 

 

Autor: Holger Roloff

 

 

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