Gesellschaftliche Transformation in der Musik: 'Roswell'

Musiktipp

 

'Roswell' von MATERIA (2017)

 

 

Marten Laciny bringt die Materie des Universums zum Klingen. Er nennt sich als Künstler auch entsprechend: Materia. Auf seinem neuen Album macht er aus seiner Heimatstadt Rostock „Roswell“. Inspiriert wurde er dabei von visuellen Eingebungen, die ihm beim Nachdenken über die Qualität unserer Gegenwart in den Sinn kamen. Diese Bilder (nach Interviewaussagen z.B. ein halb verrostetes Ortseingangs-Schild von Rostock) abstrahierte und transformierte er in den Namen jenes Ortes, der historisch zum Begriff für ein außergewöhnliches Ereignis wurde (bekannter Ufo-Absturz im Jahr 1947 mit grauen Aliens). Symbolisch steht dieser Albumtitel demnach für das Außergewöhnliche, was heute in unserem Leben um uns herum und in uns selbst passiert. Ein Symbol für den Wandel.

 

Materia ist musikalisch dem breiten Spektrum des Hip Hop zuzurechnen. Er war schon lange vor diesem Album bundesweit bekannt, nicht zuletzt durch Hits wie „Welt der Wunder“ und „Lila Wolken“ zusammen mit den Musikerkollegen Yasha und Miss Platnum sowie als sein zweites Alterego Marsimoto mit dem kultigen „Zecken raus“.

 

Mit seinem 4. Longplayer hat er 2017 künstlerisch jedoch etwas ganz Besonderes erschaffen. Seine deutschsprachigen Texten verstehen sich darauf mit Worten aktuell zu sein und dennoch zeitlos anmutende Bilder zu malen. Seine Lyrik ließe sich auch wie Poesie lesen, verstärkt aber ihre Wirkung gerade durch die Kombination mit raffinierten Rhythmen. Dank vieler Metaphern kann man die Texte vielschichtig interpretieren. Konsum- und Gesellschaftskritik („El Presidente“, „Blue Marlin“, „Skyline mit zwei Türmen“) trifft dabei auf ein weltweites Gemeinschaftsgefühl, eine Identität als Erdianer jenseits von Ländergrenzen, Nationalstaaten und anderen Konventionen („Aliens“, „Elfenbein“). Die „Alien“-Metapher kann sowohl für das Gefühl des Ausgegrenztseins in einer immer noch von Patriarchen und Duckmäusern dominierten Gesellschaft verstanden werden, als auch symbolisch für das, was Migranten täglich erleben. Da möchte man dem Stress oft einfach entfliehen - vom Erdboden verschwinden, wahlweise nach oben abheben („Scotty beam mich hoch“) oder abtauchen („Tauchstation“).

 

Schließlich attackiert Materia das Allerheiligste. Im Videoclip zu „Das Geld muss weg“ sieht man, wie er mit Protagonisten aus Afrika die gottähnliche Konvention des Westens in Rauch aufgehen läßt. Gemütlich am Lagerfeuer werden Euro-Scheinen gebraten. Das läßt sich aufgrund geschickt verstrickter Textzeilen als instinktive Kapitalismuskritik verstehen, wie ebenso als Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die optische Umsetzung wurde größtenteils in den Townships von Südafrika gedreht, wo Materia sich oft aufhält.

 

Genau darin steckt das i-Tüpfelchen. Es erschien parallel zum Album und den obligatorischen Videoclips noch ein aufwendig produzierter, actionreicher Spielfilm namens „Antimateria“. Diese zusätzliche Ebene offenbart noch mehr Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zuständen. Der Film versteht es in seiner ganzen Machart und inhaltlichen Vielschichtigkeit zu glänzen. Spätestens hier wird dem Hörer und Zuschauer klar, dass es Materia um einen universellen Humanismus geht, mit er vor allem Jugendlichen Orientierung in einer komplexen Welt zu geben vermag (wie auch im Song „Links“).

 

Schon ganz commons-mäßig stellte er diesen Film übrigens bewusst kostenlos ins Netz, anstatt ihn Gewinn bringend der Vermarktung zu opfern. Verschwenderisches Teilen mit der Welt ist seine gelebte Idee, als Beitrag für eine bessere Welt! Zweifellos in jeder Hinsicht ein echtes Meisterwerk in Inhalt und Form!

 

Zweifel daran, ob das von der Jugend auch verstanden wird und ankommt? Wenn ja, sind diese völlig unbegründet. Materia löste bei den größten Festivals 2017 ROCK AM RING und ROCK IM PARK eine unfaßbare Masseneuphorie aus!!! Zweifelsfrei der Künstler der Stunde.

 

 

Anspieltipps:

„Das Geld muss weg“

„Aliens“

„Roswell Snippet“ 

„Antimateria-Trailer“

„Das Geld muss weg“ (Rock am Ring live)

„Antimateria-Film“

 

Discographie bei Discogs:

https://www.discogs.com/de/artist/586523-Marteria

 

 

Autor: Holger Roloff

 

 

 

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