Gesellschaftliche Fragestellung in der Literatur: 'Die Zukunft erfinden'

Buchbesprechung/Buchempfehlung

 

Taschenbuch: 384 Seiten

Verlag: Edition Tiamat (2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3893202099

ISBN-13: 978-3893202096

 

Die Autoren Nick Srnicek und Alex Williams befassen sich in ihrem Buch (aus dem Englischen übersetzt von Thomas Atzert) mit der gesellschaftlichen Entwicklung als einen sich selbst beschleunigenden Prozess. Es trägt den Titel „Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit“ (2016).

 

Srnicek und Williams gelten als Theoretiker des Akzelerationismus. Sie haben ihre Thesen aus dem »Akzelerationistischen Manifest« in diesem Buch umfangreich begründet und stellen diese in einen politischen Zusammenhang. Es handelt sich dabei um eine relativ neue Strömung linker Theorie. Die Autoren wirbelten mit ihren Überlegungen die alten, festgefahrenen linken Positionen mächtig durcheinander, weil damit das bisherige Selbstverständnis linker Politik grundsätzlich in Frage gestellt wird.

 

Akzeleration ist ein Begriff aus der Wissenschaft und bezeichnet eigentlich die Beschleunigung physikalischer Prozesse. Faßt man den heutigen Stoffwechsels des Menschen mit der Natur vereinfacht als solchen auf, läßt sich die Unumkehrbarkeit dieses Prozesses begründen, weiter denken und ein Bild für die Zukunft der Gesellschaft skizzieren, wie sie sein könnte, wenn die demokratische Gesellschaft dies wünscht und sich für einen entsprechenden Wandel einsetzt. Dabei wird deutlich, dass eine rein monetär orientierte, warenförmige Gesellschaft nicht durch besagten Stoffwechsel selbst oder etwa allein menschliche Bedürfnisse angetrieben und zugespitzt wird, sondern durch die gesellschaftliche Formbestimmung, in der dieser Stoffwechselprozess stattfindet. Der darin enthaltene Widerspruch wird vom Neoliberalismus auf die Spitze getrieben, ohne ihn lösen zu können. Es bedarf einer Änderung der Formen, also der Kategorien selbst.

 

Das zeigen die Autoren am zentralen Beispiel der Arbeit. Das genannte „Akzelerationistische Manifest“ geht deshalb nicht davon aus, dass der Kapitalismus politisch zu bekämpfen sei, sondern dass man vielmehr in seine sich selbst beschleunigende Stoßrichtung (Turbokapitalismus) agieren sollte, um dadurch sein Ende schneller zu erreichen. Ein aus linker Perspektive durchaus zeitgemäßes Umdenken.

 

Auch diese post-marxistischen Autoren widerlegen einerseits die angebliche „Alternativlosigkeit“ des kapitalistischen Ökonomiemodells. Andererseits sind ihre Thesen natürlich insofern kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren, als dass es keinesfalls ausgemacht ist, dass diese Beschleunigung tatsächlich oder gar automatisch zu einer besseren Gesellschaft führen würde. Sie kann auch in einem sozialen und ökologischen Desaster münden, insbesondere, wenn sich an der Vorherrschaft des sozial blinden Neoliberalismus nichts ändert.

 

Man kann auch ergänzen, dass die Form „Politik“ an sich in Frage zu stellen wäre. Mit konsequent basisdemokratischen Organisationsformen wie Commons stehen alternativ andere Optionen offen. Abgesehen davon ist Beschleunigung nur in wenigen Teilbereichen der Sache nach sinnvoll zu begründen. Andere Lebensbereiche (z.B. die „Care“-Tätigkeiten) bräuchten ihrer Sache nach hingegen eine Entschleunigung. Ganz so einfach ist es also doch nicht.

 

Fazit: Beachtenswert ist der Akzelerationismus auf jeden Fall, denn er wirft neue Fragen auf und behandelt aktuelle Widersprüche. „Die Zukunft erfinden“ ist ein lesenswerter Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel im Sinne einer positiven, sehr relevanten Stoßrichtung für eine Lösung heutiger Fragen.

 

 

Autor: Holger Roloff

 

 

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