Gesellschaftliche Transformation in der Musik: 'Anthropozän'

Musiktipp

 

'Anthropozän' von AD:KEY (2015)

 

Das erste, vom Menschen selbst gemachte Zeitalter - das „Anthropozän“, ist das Titelthema des aktuellen Albums der deutschen Gruppe AD:KEY. Sie vertreten eine neue Generation, die hoch hinaus möchte, raus ins All, Abenteuer erleben, die Grenzen des technisch und menschlich Machbaren ausloten wollend. In allen Zeitaltern zuvor, war der Mensch noch den Naturverhältnissen unterworfen. Neues zu entdecken, war überwiegend auf die Geografie der Erde beschränkt. Erst mit der Industriealisierung änderte sich das. Nach dem Mond steht längst der Mars auf der To Do-Liste derer, die unseren Nachbarplaneten unbedingt erobern wollen, egal, ob das überhaupt sinnvoll ist? Haben die Befürworter so eines Wagnisses Recht mit ihren Argumenten?

 

AD:KEY bzweifeln das. Sie gehören musikalisch zur Szene der Electronic Body Music (EBM), einer Vermischung der Spielarten des Industrial und Electro-Pop. Das geht oft mit einer antiautoritären Punk-Haltung einher. Genretypisch sind daher gesellschaftskritische Texte, die jedoch oft zu kurzen Slogans komprimiert werden, damit man sie rhythmisch in die nach vorn peitschenden Body-Beats hinein schleudern kann. So wird das ganze Publikum bei Konzerten schnell zum Bewegen und Tanzen gebracht. Die Inhalte werden oft indirekt vermittelt, in dem der Sänger entweder in die Rolle des zu kritisierenden Gegenübers schlüpft oder durch Satire bzw. bewusst überzogene Darstellungen und (scheinbare) Glorifizierungen von Monotonie und Schweiß bei der Arbeit in Industriebetrieben, Bergwerken („Hoch die Hämmer V.2“) oder Stahlwerken, an Maschinen und Fließbändern schuftend („Monotonie“) oder auf Werften. Schweisserbrillen sind ein beliebtes Szene-Accessoire. Typische EBM-Symbole sind Hammer und Zahnrad in vielen kunstvollen Varianten. Den EBM-Protagonisten wie AD:KEY ist natürlich bewusst, das es im Grunde am Sein in der Arbeiterklasse nicht viel zu verherrlichen gibt. Das geht historisch gesehen inhaltlich und ästhetisch zurück auf die „Stahlwerksynfonie“ (1981) der deutschen Band DIE KRUPPS. Von denen stammt aus dem gleichen Jahr auch einer der ersten deutschen Industrial-Music-Hits mit dem Titel „Wahre Arbeit - Wahrer Lohn“ sowie das moderner produzierte „Schmutzfabrik“ (2013).

 

So wundert es nicht, das auch bei AD:KEY im gleichnamigen Titelsong des Albums die Erfolge der Industrialisierung satirisch in Zweifel gezogen werden („Anthropozän“). Man meint die Hämmer in den Werkhallen zu hören, die zum schleichenden Gift ihrer Benutzer werden („Monotonie“). Ebenso werden Argumente mancher Mitmenschen allgemein in Frage gestellt („Ob Ihr Recht Habt“). So ist es fast folgerichtig, das letztlich auch bei der Eroberung des Weltalls was schief läuft („Der Automat“). Die Selbstüberschätzung und Unachtsamkeit des Menschen werden so in den Fokus ihrer künstlerischen Kritik gerückt. Das Bewusstsein dieser neuen Generation sieht sich als energetisch unabhängig und aus sich selbst die neue Zukunft schöpfend („Autodynamisch“). Man traut nur den eigenen Ideen. Eine gute Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Wandel, für den EBM-Bands wie AD:KEY quasi den Soundtrack liefern.

 

Wer also die Szene-Codes lesen kann und den Humor dahinter versteht, kann auch ungehemmten Spaß haben an diesem musikalischen Insiderstil. EBM-Hits sind heute weltweit vor allem in Gothic-Clubs und Independent-Discos präsent.

 

 

Anspieltipps:

„Anthropozän“

„Der Automat“

„Ob Ihr Recht Habt“

„Autodynamik“

„Monotonie“

 

Discographie bei Discogs:

https://www.discogs.com/de/artist/784591-ADKey

 

 

Autor: Holger Roloff

 

 

 

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